Fährst du noch oder wohnst du schon?

Harley Davidson Electra Glide Classic

„Zwei Zimmer, Küche, Bad.“ Diese sarkastische Beschreibung muss man sich als Fahrer einer Harley Davidson Electra Glide schon gelegentlich anhören. Das Schicksal teilt man mit den „Insassen“ einer Honda Gold Wing, wobei die dorthin gerichtete Häme einen noch deutlicheren Unterton trägt. Neid? Nicht nur, aber viel …

Nun ja, so ein „Full Dresser“ wie die zum Test geladene Electra Glide Classic zeigt wirklich stattliche Maße in Länge, Höhe und Breite – und Gewicht. Dafür wird die Besatzung aber rundherum fürsorglich umhegt. Wenn der Betrachter zum ersten Mal vor so einem Trumm steht, überwältigt ihn die fulminante Ausstattung. „Ist das noch ein Motorrad oder schon ein bisschen Auto?“ Die Passagiere sitzen wahrlich in der Maschine, vor allem der Sozia scheint es auf dem Rücksitz kaum an Komfort zu mangeln. Doch auch der Fahrer blickt auf ein gut ausgestattetes Instrumentenbrett, wenn er auf dem breiten und weich gepolsterten Sessel Platz genommen hat. Und in den zwei Zimmern (sprich: Seitenkoffern) sowie im Bad (Heckkoffer) lassen sich eine Menge Utensilien für die lange Reise unterbringen. In der Küche (Armaturentafel) hat der Chefkoch alle Gerätschaften zur Hand und vor Augen, um ein leckeres 6-Gänge-Menü auf die beiden Räder zu stellen.

Eins wollen wir gleich zu Beginn des Tests jedoch klarstellen: Die Electra Glide ist ein Motorrad und fährt sich auch wie eins. Und zwar wie ein gutes! Ist es erst einmal in Bewegung und einige Kilometer on the road, so zaubert der Genuss des komfortablen, ja luxuriösen Dahingleitens ein breites Lächeln ins Gesicht des Fahrers. Je länger die Strecke, desto breiter das Grinsen. Denn das bequeme und entspannte Reisen auf Langstrecke ist dieser Harley in die Wiege gelegt. Sicher, Kritiker haben ja Recht, wenn sie das Fehlen des sportlichen, des fetzigen, leichten, handlichen In-die-Kurve-Schmeißens kritisieren. Diesen Adrenalin-Kick vermittelt die E-Glide nicht, will sie auch nicht. Dafür hat auch Hersteller Harley ganz andere Maschinen im Programm. Hier fährt, ja gleitet ein auf Luxus getrimmtes, schweres, ruhiges und für lange Strecken prädestiniertes Stück Metall. Und es macht seine Sache ausgezeichnet.

Also entern wir mal mit gekonntem Beinschwung den Sattel. Achtung: Der Schwung gelingt nur mit stark angewinkeltem Knie, wenn es elegant aussehen soll. Soziuslehne und Top Case versperren die weit ausholende Runde und erfordern diese Akrobatik. Oder der rechte Fuß klettert vorne herum, aber besser nur, wenn keine Zuschauer diese Nummer beobachten. „Pfffft…“ ächzt der Ledersattel, um die Luft aus dem Polster unter dem Gewicht des Fahrers entweichen zu lassen. „Wow, ist der schön weich.“ entfährt es dem Reiter, als er sitzt. Nun wollen 388? Kilo vom Seitenständer in die Lotrechte gebracht werden. Was unbeladen verblüffend leicht vonstattengeht, artet mit vollem Gepäck – und bitte noch ohne Sozia – schon in mehr Arbeit aus, zumal die Kilos hoch oben (z.B. Frontverkleidung und Top Case) angebracht sind und ausbalanciert sein wollen.

Gleich an dieser Stelle: Der weit oben liegende Schwerpunkt der beladenen E-Glide wirkt sich natürlich auch im Fahrverhalten aus. Jedoch nur in sehr engen Kehren oder beim 90 Grad-Abbiegen in der Stadt zieht die Schwerkraft ordentlich am Gefährt in Richtung Asphalt. Ein wenig Übung und Konzentration sind nötig, um bei extremer Langsamfahrt nicht mitsamt der Maschine einfach umzukippen.

Zurück. Noch steht die Maschine still zwischen meinen Beinen. Augen und Hände wandern über Schalter, Anzeigen, Knöpfe, Griffe. Davon gibt es eine Menge. Neben denen, die jedes Bike zu bieten hat, fällt erst einmal das CD-Radio auf, dazu die beiden Lautsprecher in der Verkleidung links und rechts. Daraus soll man bei Reisetempo unterm Helm was hören? Später weiß ich: Ja, man hört Musik, Nachrichten oder Navi-Durchsagen aus dem verbundenen iPhone sogar sehr gut! Auch die große Windschutzscheibe macht ihrem Namen alle Ehre. Ergebnis: Man schaut prima drüber, aber der Fahrtwind wird hoch genug umgeleitet und bläst über den Helm hinweg – sehr angenehm!

Nun sind wir doch schon bei den Fahrerlebnissen. Apropos Wind und Wetter, so ein Beinschutz wäre wünschenswert. Gibt es auch - als Zubehör. Bei der Fahrt über den Brennerpass mit Neuschnee im September (!) wären mir damit nasse Hosen und Stiefel erspart geblieben. Wer also häufig im Regen oder bei nasser Fahrbahn unterwegs sein will, sollte sich dieses Zubehör genauer anschauen oder besser gleich dran schrauben. Überhaupt kann sich der Kaufinteressent auf der Harley-Homepage so einiges an Zubehör gleich mitbestellen. So ist für Solofahrer auch die (de)montierbare Fahrer-Rücklehne eine sinnvolle und komfortable Option.

Sänftenartig federt auch das Fahrwerk de Electra Glide. Gabel und Federn haben immerhin 400 Kilo Trockengewicht – mit Fahrer und vollgetankt also immer locker mehr als eine halbe Tonne – über diverse Straßenzustände zu befördern. Am souveränen Dahingleiten ist der Big Twin mit 1690 Kubik Hubraum und einem maximalen Drehmoment von 134 Nm bei 3.500 U/min maßgeblich beteiligt. Ganz bequem geht das auf Wunsch auch automatisch mit dem serienmäßigen Tempomat. Dann bleibt auch Zeit und Ruhe, um sich den diversen Anzeigen des Bordcomputers zu widmen oder mittels Stationstasten zwischen diversen Radiosendern – die Wahl zwischen Sendern und die Einstellung der Lautstärke geschieht auch mit Fernbedienung an den Lenkerenden - , dem per AUX-Buchse angeschlossenen Navi oder iPod oder der Wiedergabe einer CD umzuschalten. Die verschiedenen Analoguhren geben Auskünfte über das Wohlbefinden des Motors, der Rest-Tankinhalt (max 22,7 l) wird sogar ebenfalls digital und sehr präzise durch Angabe der verbleibenden Kilometer angezeigt. Um die Fuhre mit einer Länge von 2515 mm und einem Radstand von 1625 mm wieder zum Stillstand zu bringen, assistiert serienmäßig das ABS mitsamt Brembo-Bremsen.

Vorbildlich – aber natürlich äußerlich auch gut sichtbar – ist das Gepäckproblem gelöst. Zwei wirklich geräumige und stabile Seitenkoffer sowie das riesige Topcase machen die Mitnahme auch größerer Mengen an Reiseutensilien zum Kinderspiel. Das obere Heckabteil fasst auch locker 2 Integralhelme, alle Stauräume sind selbstredend abschließbar.

Klar, dass so eine üppigst ausgestattete Reisemaschine von Harley Davidson auch eine Stange Geld kostet. Je nach konkreter Ausstattung und Lackierung sollte man jedenfalls rund 24.000 Euro auf dem Konto haben, es sei denn der Käufer kann den Euro-Rettungsschirm für sich aktivieren … Dafür erhält der Käufer aber auch ein Touring-Motorradl, das auch in etlichen Jahren noch einen stabil hohen Restwert aufweisen wird.

Fazit
Schon merkwürdig: Für die Electra Glide musst du zwei Männer sein. Ein starker Kerl ist gefragt beim Manövrieren auf engem Raum. Fährst du aber erst mal so dahin, kannst du mit ihr das Weichei raushängen lassen. Und wenn die Fuhre unfreiwillig die stabile Seitenlage einnehmen sollte, brauchst du zwei weitere Männer von der starken Sorte, um sie wieder aufrecht zu stellen. Aber ohne Frage: Für die lange und bequeme Reise gibt es bei Harley Davidson kaum Besseres!