Verwandlungskünstlerin Switchback

Vom Tourer zum Cruiser in Sekunden

Harley Davidson steht ja auf dem Tank, der fette V-Twin sieht auch verdammt nach HD aus, aber was für eine Harley ist das? Fatboy-Front, Dyna-Heck, Tourer-Scheibe, Bagger-Koffer, 2in1-Auspuff ... Die neue 2012er Switchback verwirrt.

Ein Crossover, so wie man es von Autos kennt? Ein bisschen hiervon, ein wenig von dort - schon ist eine neue Marktlücke entdeckt und gefüllt. Der Name Switchback, übersetzt etwa mit Achterbahn oder Berg- und Talfahrt, deutet es bereits an: Hier wurde aus vielen Harley-Komponenten ein neues Modell geschaffen, das wie das Auf und Ab einer Achterbahn zunächst irritiert, dann aber eine insgesamt spannende und stimmige Komposition ergibt.

Switchback steht auch für eine großartige Verwandlungskünstlerin. In kürzester Zeit sind Scheibe und Koffer demontiert. Zwei Federn entriegeln das abnehmbare Windshield; nach einem Dreh am Knebel in den beiden Koffern werden diese nach hinten weggeschoben und entfernt. So lässt sich das Motorrad ruckzuck von einem reisetauglichen Tourer in einen nackten Cruiser strippen.

Dyna - misch
Was sich in der Theorie praktisch anhört, bewährt sich auch im Alltag bestens. Für die Urlaubsreise in den sonnigen Süden oder den Wochenendausflug werden daheim die beiden Hartschalen-Köfferchen gepackt, die Scheibe geputzt - und los geht es! Am Urlaubsort angekommen verschwinden die Tourer-Accessoires im Hotelzimmer, bis sie für die Rückreise wieder ihren Dienst erfüllen. In der Zwischenzeit genießt der Switchback-Fahrer im wahrsten Sinne "unbeschwert" den Wind von Freiheit um die Nase. Praxis-Tipp: Die Koffer können eigentlich auch während der gesamten Tour am Motorrad bleiben. Sie sind nicht besonders ausladend, sie sehen recht gut aus und sie bewähren sich zwischendurch bestens beim Einkauf im Supermarkt oder für die Mitnahme von Regenzeug und anderen Utensilien.

Die neue Switchback erweitert die erfolgreiche Dyna-Baureihe um ein eigenständiges Modell, dass mit dem kraftvollen luftgekühlten Twin-Cam 103 (1691ccm, 76 PS) ausgerüstet ist. Kraft und ordentlich Druck aus dem Drehzahlkeller, elektronische Kraftstoffeinspritzung und das Cruise Drive 6-Gang-Getriebe in Verbindung mit dem wartungsarmen und ruhigen Zahnriemen sorgen für stets angenehmes Reisen auf allen Wegen.

Das klassische Retro-Design der Switchback wird von dem prägnanten Scheinwerfer, der fetten verchromten Gabelverkleidung, dem Mini-Apehanger-Lenker und er Harley-typischen Tankkonsole mit dem 5-Zoll-Tacho bestimmt. Der vom Lenker aus schaltbare Bordcomputer zeigt dort auch den eingelegten Gang, verbleibende Rest-Reichweite, 2 Tageskilomerzähler, Drehzahlmesser usw. an. Kabel und modernste BUS-Elektronik sind soweit möglich verdeckt verbaut, um die puristische Optik so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. ABS und das Smart Security System mit integrierter Wegfahrsperre und Alarmanlage sind inzwischen Standard. Entfernt sich der Fahrer samt seinem Schlüsselanhänger in der Tasche mehr als 2 Meter vom Fahrzeug, wird alles ohne Zutun scharf geschaltet - und umgekehrt bei Annäherung wieder freigegeben.

Stilbildend für das Heck sind klar die gekapselten und verchromten Federbeine, die sich mit einer Schraubenschlüssel-Umdrehung in ihrer Vorspannung der Zuladung anpassen lassen.

Nur der Sound fehlt
Modernste Harley-Technik also im Vintage-Look der alten Tradition. Nur eins lässt die neue Switchback leider vermissen: Sound! Die 2in1-Auspuffanlage gibt nur laue Tönchen von sich, die weder den typischen Harley-Schlag noch das dumpfe Grummeln eines solch gewaltigen Motors vermitteln können. Zum einen hat Harley Davidson offensichtlich hier den Rotstift angesetzt und am Sound-Management gespart. Andere Modelle können "Klang" viel viel besser! Zum anderen sind hier wie sonst auch die Zugeständnisse an staatliche Vorschriften zu Geräuschemissionen einzuhalten. Gut, dass man nachrüsten kann. Wer Wert auf ordentlichen Sound legt, wird hier unverzüglich andere "Tüten" ordern müssen!

Alles in allem gefällt die Switchback manchem Harley-Puristen auf den ersten Blick nicht immer. Sie greifen daher lieber gleich zur Road King oder etwa zur Wide Glide. Für die meisten anderen Harley-Fans jedoch bietet die Neue eine gelungene Synthese aus zwei Welten: Lange Reisen mit Scheibe und Koffern, kurze Ausflüge ohne diese. Da bedarf es keiner Prophetie, um vorherzusehen, dass die Switchback bei vielen Käufern voll ins Schwarze trifft - für knapp 17.000 Euro erwerben sie Tourer und Cruiser - wenn man so will, also gleich zwei Motorräder - in einem.
-mjm-